
Tourist im eigenen Land
Eine Reise durch ÖsterreichGebundene Ausgabe
208 Seiten, 21,5 x 21,5 cm
107 Farbfotografien
Ein kleiner Auszug ist oben zu sehen, und wer 5 Minuten Zeit aufbringen kann, dem seien die kurzen Textpassagen unten empfohlen.
Ich bin stolz
ein oberösterreicher zu sein
nicht alle ober
sind österreicher
nicht alle österreicher
sind ober
aber
alle oberösterreicher
sind österreicher
und
nicht alle österreicher
sind oberösterreicher
jawoi
Ich bin stolz.
Friedrich Achleitner
Ich bin zwar kein Ober, aber eben auch ein Oberösterreicher, der seine touristische Reise vor vier Jahren begann. Dem schönen Hausruckwald entflohen, einer brutalen ländlichen Gegend, wo alle zwei Jahre noch immer Bauern um ihr Leben zu würfeln haben, landete ich so in einer bisher nur durch das Casino oder die Einkaufswelt Europark bekannten Ausfahrt der Westautobahn. Von einem Verkaufsschlager zum nächsten, von Würfel und Galgen, zu den Mozarttalern und ihren Kugeln. Die anfänglichen Irrtümer bald ausgeräumt, entwickelte sich die kleine Vorortidylle in Gnigl, am Fuße des Gaisberges, zu einer zweiten Heimat. Gerade erst angekommen - in Salzburg übrigens – wurde das Ziel der einen der Ausgangspunkt der nächsten Reise, jedoch ohne sesshafte Beweggründe. Eine Reise quer durch Österreich, von den wilden Bergvölkern im Westen bis zu den Grenzen des ehemaligen Ostblocks am anderen Ende des kleinen Landes. Klingt interessant.
Abseits vom Mainstream der West-, Süd-, Inntal-, Tauern- und sonstigen Autobahnen, auf kleinen Nebenstraßen, wo Schlaglöcher noch ihrem Namen gerecht werden und kleine Dörfer lüftlmalerisch zwischen Bergen, an kleinen Bächen und auf halbem Weg endloser Felder auftauchen, sollte man das Land schon kennen lernen, vom dem man glaubte, es zu kennen. Nach einiger Zeit stellen sich erste Genickschmerzen ein, vom vielen, Hoch-, Herum- und zur Seite schauen. Man will ja auf gar keinen Fall das eine oder andere Juwel österreichischer Kultur, Landschaft und Kulturlandschaft versäumen. Österreich ist wirklich schön, die Schmerzen zwischen sechstem und siebtem Halswirbel pochten bejahend im Minutentakt. Ein Sprichwort sagt, Ein Indianer kennt keinen Schmerz, auf den Touristen trifft dies auf keinen Fall zu. Er kennt ihn, bereits am Ende des ersten Tages. Das ständige Anhalten, Stativ aufbauen, Kamera montieren, Ausschnitt wählen und Ablichten (Abdigitalisieren) zog auch die Knie, die Hüfte und andere Körperregionen in Mitleidenschaft, vom Abbau in umgekehrter Reihenfolge ganz zu Schweigen. Doch dieser Bericht will weder den Schmerzen, die man gerne erträgt, noch dem sich wiederholenden Prozedere des Fotografierens eine Hommage sein, die wenigen, dafür umso aufschlussreicheren Begegnungen mit den Einheimischen, also den ÖsterreicherInnen, den TirolerInnen, BurgenländerInnen und anderen Bundesländer(Inne)n gebührt die Ehre um Verewigung in dieser Arbeit.
Erste Begegnung – St. Christoph am Arlberg
Nach 22 Uhr abends, die Sonne wirft längst keine Schatten mehr und der letzte Rest des Dämmerlichts verschwindet hinter aufziehenden Wolken, gerät die Fahrt über den Arlbergpass zu einer Reise ins Ungewisse. Bereits eine Stunde ist vergangen, dass die letzten Fernlichter die Sicht auf eine herannahende Serpentine verdeckten und man glaubt bereits, nicht mehr auf dem richtigen Pfad zu sein. Doch dann taucht ganz unscheinbar am rechten Fahrbahnrand die Ortstafel von St. Christoph am Arlberg auf und man klopft sich, des funktionierenden Orientierungssinnes gewiss, bestätigend auf die Schulter. Ein paar Hotelanlagen, hier und da ein Kiosk oder eine Werbetafel, aber keine Menschenseele. Das winterliche Paradeskigebiet gleicht eher einem Geisterdorf. Erste Zweifel die Wahl des Reisezeitpunktes betreffend machen sich breit, und verschwinden im selben Augenblick beim Anblick der herannahenden Schlechtwetterfront hinter den schemenhaften Berggipfeln. Das diffuse Sonnenlicht, vom aufgehenden Mond reflektiert, trägt seinen Teil dazu bei. Fest entschlossen wird die Kamera montiert und mit längeren Belichtungszeiten versucht, die eindrucksvolle, kitschige oder auch reale Stimmung in Megapixel umzuwandeln. Mit den Ergebnissen zufrieden, will man ja auch noch diese Ruhe genießen, die alsbald von einem tiefen aber dennoch freundlichen »Griaß Gott« unterbrochen wird. Völlig überrascht braucht es einen weiteren Moment, um zu seinen guten Manieren zurückzufinden und den Gruß der entfernten Silhouette mit einem ebenso freundlichen »Grüß Gott« zu erwidern. Nach einer Berichterstattung auf Fragen wie Woher kummst denn? und Wos studiert er denn leicht? entwickelt sich das Gespräch zu einem Gedankenaustausch über die Schönheit der Natur, den Tourismus am Arlberg und die diversen Dialekte der ÖsterreicherInnen. Die sprachliche Mannigfaltigkeit unseres Landes liegt dem Gastronomen besonders am Herzen. Dies äußert sich zum einen in der Anwendung einer nur schwer zu verstehenden, voralbergischen Mundart, zum anderen in der Nörgelei über die vielen deutschen TouristInnen, derer wegen er seinen Dialekt zusehends unterdrücken müsse, sonst würden die ja kein Wort verstehen. Diese deutschen TouristInnen, die sich beim Skifahren immer überschätzen und de Haxn brechan, im Hotel bis zur Bewusstlosigkeit zuasaufn und deacht mit de Summaroafn aufn Berg auffakemman, die haben es schon in sich, vor allem was die Dicke der Geldbörsen und die zurückgelassenen Alpendollars, bzw. Euros betrifft. Nach etlichen weiteren Ausführungen zum entbehrungsreichen Leben am Arlberg geht er mit den Worten Guad, wonn d’Saison wieda ofongt seines Weges.
Zweite Begegnung – Im Montafon
Die TouristInnen aus unserem Nachbarland, von welchem wir uns nach dem Zweiten Weltkrieg so vehement distanziert haben, politisch, wirtschaftlich als auch sprachlich, spielen auch die NebendarstellerInnen in einer weiteren Begegnung der österreichischen Art. Das Montafon ist ein herrliches Tal. Von Bludenz aus leicht zu erreichen, eröffnet sich eine Bergwelt der besonderen Art. Ab Partenen geht es, die Silvretta-Hochalpenstraße folgend, steil hinauf bis zur Bielerhöhe. Unzählige Parkplätze entlang der kurvenreichen Strecke machen die Wahl für den nächsten Zwischenstopp nicht leichter, bei jedem Halt ließe sich so einiges entdecken, von der stets imposanten Bergkulisse einmal abgesehen. Kurz vor dem Vermuntstausee bietet sich ein traumhafter Ausblick zurück ins Montafon, ein idealer Zeitpunkt für eine dokumentarische Rast. Diesem Aufruf der Landschaft folgt auch eine Reisegruppe aus besagtem Nachbarland. Die Bremsen von der abschüssigen Straße in Mitleidenschaft gezogen, hält ein Bus mit grob geschätzten fünfzig Fahrgästen und einer an harte Schweißerarbeit erinnernde Duftnote auf dem groben Schotter. Von einem lauten Zischen der Türen angekündigt, strömen die UrlauberInnen, allesamt älteren Semesters aus dem Bauch dieses Transporters. Der Busfahrer, ein Tiroler aus dem Paznauntal, nutzt die Gelegenheit um frische Luft zu tanken. Mit der einen Hand noch betagteren Gästen aus seinem Bus helfend, steckt er sich mit anderen eine Zigarette an und inhaliert sichtlich erleichtert. Nach kurzer Zeit wird von einer der TouristInnenen die Bezeichnung für ein tierisches Verdauungsendprodukt in die Runde geworfen, welches die nächsten zehn Minuten die absolute Stille hoch in den Bergen mit brachialer Gewalt unterbrechen sollte. Kuhkacke ist bald in aller Munde. Mit Iiihhh, Kuhkacke bis Mensch, Kuhkacke und Pass auf, Kuhkacke machen alle Reisenden auf ihre Faszination für die tellergroßen Ausscheidungsprodukte der österreichischen Rindviecher aufmerksam. Der tierische Spaß nimmt aber ein jähes Ende, als aus dem Dickicht nebst der Straße plötzlich eines jener Lebewesen auftaucht, welches für die unterhaltsame Unterbrechung verantwortlich zu machen ist. Mit einem Kalb im Schlepptau ist die Kuh der Kontaktfreudigkeit der UrlauberInnen jedoch schnell überdrüssig und zeigt dies auch in Form aggressiver Drohgebärden und lauten Muhens. Die langen Hörner lassen leichte Panik aufkommen und sogleich bringen die TouristInnen Distanz zwischen sich und den alpinen Wiederkäuer. Und der Wunsch nach Naturerlebnissen rückt nach einem kleinen Rempler der Kuh ebenso in weite Ferne. Einer Schafherde gleich wird der Bus gestürmt, nach einer Minute sind alle wieder auf ihren Plätzen. Erst jetzt schaltet sich der sichtlich belustigte Busfahrer mit den Worten Und des wegn a bissal an Scheissdreck ein und zeigte der Kuh, dass an den Türen seines Busses kein Durchkommen ist. Außadem hoaßt des Plader oder Toaschtn, vo mir aus a Kuafladn oba sicha net Kuhkacke! Grinsend verabschiedet sich auch der urtümliche Buschauffeur und setzt sein Fahrzeug talwärts in Bewegung.
Dritte Begegnung – Umhausen im Ötztal
Auf 65 km Länge und über nahezu 2000 Höhenmeter erstreckt sich das Ötztal von Sautens bis an die italienische Grenze zum Timmelsjoch-Pass. Zahlreiche Wandermöglichkeiten im Sommer und unzählige Pistenkilometer im Winter machen diesen Bergeinschnitt zu einem beliebten Urlaubsziel. An der Bundesstraße zwischen Neudorf und Umhausen weckt ein alter Steyr-Traktor das Interesse des Touristen. Von Farbe keine Spur mehr, scheint das alte Gefährt seine letzten Tage auf dieser weitläufigen Wiese zwischen kleinen Holzhütten zu verbringen. Zudem taucht die zusehends aufreißende Wolkendecke diesen rostigen Haufen gestriger Landwirtschaft in ein seltsam surreal anmutendes Licht. Ein ideales Motiv. Schnell sind die dreihundert Meter querfeldein überwunden, die Kamera für die Aufnahme vorbereitet. Nur noch auf eines der kleiner Löcher in der Wolkendecke will man warten, dann wird auch dieses Ungetüm aus den 60er Jahren dokumentiert sein. Fünf Minuten später ist es dann soweit, perfekte Bedingungen. Der bevorstehenden Aufnahme steht nichts mehr im Wege, nein, nicht es steht im Wege sondern er sitzt bereits darauf. Den Blick gen Himmel gerichtet, konnte sich unbemerkt der Eigentümer des Traktors nähern und nach einigen Handgriffen das Gefährt in Betrieb nehmen. Laut knatternd setzt er sich in Bewegung und entzieht seinen 15er Steyr der bevorstehenden Aufnahme. Dreißig Meter später besinnt sich Alois Baumann, der Fahrzeughalter, zum Glück eines Besseren und stellt den Motor wieder ab. Die nächsten zwei Stunden wird sich Österreich von seiner informativen Seite zeigen. Geschichten vom Flachsanbau im Ötztal der 50er Jahre, über die Einführung des Tourismus durch den berühmten Gletscherpfarrer Franz Senn bis hin zu immer wiederkehrenden Murenabgängen und nahezu 600 Jahre alten Bergbauernhöfen an den steilen Gebirgshängen um Umhausen, Alois Baumann erweist sich als gründlicher Chronologist seiner Heimat. Die Schönheit des Tales lag ihm besonders am Herzen. Unzählige Wandertipps, Gipfelnamen und noch unentdeckte, namenlose Seitentäler abseits der touristischen Massen werden mit strahlenden Augen empfohlen. Die eine oder andere Erzählung aus dem entbehrungsreichen Leben der Bauern, mit eigenen Statistiken untermauert, trübt nur kurzfristig die Faszination des Ötztals. Mit der untergehenden Sonne endet schlussendlich die bereichernde Unterhaltung.
Vierte Begegnung – Podersdorf am Neusiedlersee
Tagelang in den Alpen zubringend, erkennt man erst im Burgenland, wie vielfältig unsere Nation ist. Kilometerweit erstreckt sich der Schilfgürtel entlang des Neusiedlersees und auch die langen Reihen aus Weinstöcken treffen sich erst in der Ferne des Horizonts. Diese für die bergverwöhnten WestösterreicherInnen anmutende Eintönigkeit wird jedoch mit lautem Knall und Motorenlärm unterbrochen. Der Knall kommt von den Schrottflinten der Jäger, der Motorenlärm von zwei einmotorigen kleinen Cessnas im Sturzflug. Der Grund für diese Beschallung. Stare. Zu Tausenden ziehen diese Vögel in Schwärmen von Weingarten zu Weingarten, immer auf der Suche nach den reifen Früchten. Die WinzerInnen, ihrer Existenzgrundlage bedroht, sind einfallsreich, und versuchen mit allen Mitteln, der fliegenden Fressmaschinerie Parole zu bieten. Auf einem kleinen Flugfeld, eine kurze Rasenpiste mit Tanklastwagen, trifft man als Tourist dann auch zufällig die für die Neusiedlerregion wichtigsten Persönlichkeiten. Einen Winzer, einen Jäger, den Piloten einer der Cessnas und einen Aufseher des Nationalparks Seewinkel. Die Problematik mit den Staren ist das Gesprächsthema Nummer eins. Jeder hat seine Anekdoten parat und gibt sie zum Besten. Vor allem der Jäger weiß aus jahrzehntelanger Erfahrung mit den Vögeln umzugehen. Zwar darf er nur in die Luft schießen um sie vom Zerstören der Ernte abzuhalten, dennoch gibt er den einen oder anderen Trick zur »Verjagd« preis. Trotz all der Redseligkeit, auf die Bitte nach einem Gruppenfoto zeigen sie sich bedeckt und verweigern. Mit der Erlaubnis, die sonst nicht zugänglichen Zonen der Weingärten zu erkunden, wird die Reise fortgesetzt.
Fünfte Begegnung – Donaucity Wien
Vom kulturellen Erbe der ehemaligen Metropole der Habsburgermonarchie und heutigen Bundeshauptstadt fehlt zwischen den Wolkenkratzern der Donaucity in Wien jede Spur. Glas, Beton und Stahl sind hier die vorherrschenden Bausubstanzen der hohen und sterilen Büro- und Wohnkomplexe. Auch ein Passant lässt seiner Unzufriedenheit der architektonischen Verschandelung freien Lauf. Vor allem die Tintenburg (die allseits bekannte Uno-City) scheint ihm trotz der Bedeutung für Österreich ein Dorn im Auge zu sein. Die halbleerstehenden Hochhäuser des Herrn Wlaschek & Co. und die eintönig gestalteten Wohnsilos geraten ebenfalls ins Kreuzfeuer seiner Kritik. Geschichten vom Wind, der sich neue Bahnen durch die Häuserschluchten sucht und dabei schon RollstuhlfahrerInnen verweht haben soll, frischen das ganze etwas auf. Diese kurze Begegnung endete mit einem resignierten Wos soi ma denn mochn, dann verabschiedet sich der Herr aus Kaisermühlen in Richtung zuhause, einem der beklagten Wohnhäuser, keine 50 Meter entfernt.
Österreich ist multi, sowohl die Landschaft als auch die Bevölkerung betreffend. Und Österreich ist schön. Ich bin stolz ein Oberösterreicher zu sein.